PingPongParkinson

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“Wie eine zweite Familie“

Veröffentlichung: Sport in Hessen 3/2026 (21.03.2026)

"PingPongParkinson" erfährt großen Zulauf

Fast sieben Jahre ist es her, als sich für Birgit Borchardt schlagartig alles veränderte. Die Diagnose Parkinson markierte ein Wendepunkt im Leben der heute 64 Jahre alten Idsteinerin, die seit rund einem Jahr Erwerbsminderungsrente erhält. Natürlich war sie niedergeschlagen – und wusste zunächst nicht, was ihr Halt geben könnte. Was für sie nicht in Frage kam: eine Selbsthilfegruppe. „Ich wollte nicht in einem Kreis mit Menschen sitzen, die sich gegenseitig ihr Leid klagen.“ Aber sie wollte Kontakt mit anderen Menschen, die auch mit der unheilbaren Nervenerkrankung leben. Ein Jahr dauerte es, ehe sie so weit war. Im Internet hatte sie recherchiert, was es an Möglichkeiten gibt – und war auf „PingPongParkinson“ gestoßen. Der international tätige Verein mit Ableger in Deutschland versteht Tischtennis als therapeutisches Mittel. Um Bewegungsstörungen entgegenzuwirken, die bei einem Parkinson-Erkrankten schleichend eintreten. Doch mit Tischtennis hatte Borchhardt nie etwas zu tun. „Ich war schon froh, wenn ich den Ball getroffen habe“, erinnert sie sich an ihre ersten Versuche bei der TG Camberg.

Sechs Jahre später ist sie eine passable Tischtennisspielerin, die im Verein aus dem Sportkreis Limburg-Weilburg nicht bloß Anschluss gefunden hat. Sie leitet den „PingPongParkinson“-Stützpunkt, von denen es in Hessen mittlerweile einige gibt. Bis zu zwölf Parkinson-Erkrankte stehen bei der TG Camberg jeden Mittwoch an der Platte. Sie treffen auf Tischtennisbegeisterte unterschiedlichsten Alters – mit und ohne Beeinträchtigung. „Wenn wir zusammenspielen, tritt die Erkrankung völlig in den Hintergrund“, beschreibt Borchardt die Erfahrungen, die sie und ihre Mitstreiter machen. Dass sie anders sind, fällt nicht auf. Niemand könnte sagen, bei wem die Bewegungen schleichend langsamer und unsicherer werden. Das ist für eine Parkinson-Erkrankung charakteristisch, weil die dopaminproduzierenden Nervenzellen absterben. „Wenn Neue in die Gruppe kommen“, betont Borchardt, „muss ich immer sagen, wer Parkinson hat oder wer nicht.“ Parkinson-Erkrankten tut es gut in Gemeinschaft zu sein. Denn sozialer Rückzug bedeutet oft weniger Bewegung – und das führt letztlich zu einem beschleunigten Krankheitsverlauf. Neben einer medikamentösen Therapie hilft ihnen regelmäßige Bewegung. Passende Sportarten sind Tanzen, Boxen – und eben Tischtennis, weil sie in besonderem Maße die motorischen Fähigkeiten schulen.

Als Stützpunktleiterin ist Borchardt das zentrale Bindeglied zwischen der Gruppe, der Tischtennisabteilung, der TG Camberg als Hauptverein – und „PingPongParkinson Deutschland“, der unter den nationalen Vereinen den größten Zulauf erfährt. Gegründet wurde „PingPongParkinson“ im Jahr 2017 von Nenad Bach, einem Musiker und Friedensaktivisten. Er erlebte, dass sich seine Parkinson-Symptome durch regelmäßiges Tischtennistraining deutlich verbesserten und öffentliche Auftritte wieder möglich wurden. Seit Februar 2020 ist „PingPongParkinson“ auch hierzulande aktiv – und hat ein Netzwerk mit mehr als 3100 Mitgliedern in 280 Stützpunkten aufgebaut, die in der Regel an Tischtennisvereine- oder Abteilungen angeschlossen sind. Wie gut das funktionieren kann, verdeutlicht das Beispiel TG Camberg. „Wir sind ein inklusiv ausgerichteter Verein, in dem es von Anfang an keinerlei Hemmungen oder Vorbehalte gab“, erläutert Borchardt und lobt die Unterstützung von „PingPongParkinson Deutschland“: „Wir bekommen nicht nur Flyer und andere Materialien zur Verfügung gestellt, sondern werden auch informiert, wenn es neue Entwicklungen in der Forschung gibt.“ Das macht es für Borchardt leichter, an Selbsthilfegruppen, Physiotherapeuten und Neurologen in der Region heranzutreten, um weitere Parkinson-Erkrankte für ihren Stützpunkt zu gewinnen.  

Mit anderen Stützpunkten vernetzen  

Mittlerweile gibt es auch eine Vielzahl an Wettkämpfen. Kleinere regionale Events, aber auch nationale Meisterschaften und Weltmeisterschaften, die in diesem Jahr im September in Hannover stattfinden werden. „Aus unserer Gruppe haben einige bereits an Weltmeisterschaften teilgenommen und waren auch erfolgreich“, berichtet Borchardt. Eine eigene Teilnahme kann sie sich aber nicht vorstellen: „Ich bin kein Typ für Wettkämpfe – das macht mir zu viel Stress.“ Sie will sich darauf konzentrieren, den Camberger Standort weiterzuentwickeln – und mit anderen Stützpunkten in Hessen zu vernetzen. "Mir ist es wichtig, dass wir uns gegenseitig unterstützen, hin und wieder besuchen und Freundschaftsturniere veranstalten." Für ihren Stützpunkt will Borchardt perspektivisch einen Trainer gewinnen – und einen weiteren Trainingstag ermöglichen, weil die Nachfrage hoch ist. "Der Stützpunkt ist für mich und viele andere Parkinson-Erkrankten wie eine zweite Familie."

Daniel Seehuber

Bei der TG Camberg haben Parkinson-Erkrankte jeden Mittwoch die Möglichkeit, Tischtennis zu spielen. Das tut ihnen gut, weil Bewegung den Krankheitsverlauf verlangsamt. Foto: Privat

Erstellt am 20.03.2026 von Redaktion